Im Herzen von Hildegard
Viele konkrete Anregungen, wie Hildegard uns in unserem heutigen Alltag helfen kann, konnten Interessierte bei dem umfangreichen Veranstaltungs-Angebot Mitte September 2026 in Bingen und an anderen „Hildegard-Orten“ der Region erfahren – beispielsweise bei der Jahrestagung der „Internationalen Gesellschaft Hildegard von Bingen“ am 18. und 19. September, an der rund 150 Experten und Gäste aus aller Welt teilnahmen.
Sr. Philippa Rath OSB (Abtei St. Hildegard in Eibingen) brachte es auf den Punkt, was sicherlich viele an Hildegard so sehr schätzen: die außergewöhnliche Harmonie zwischen Lehre und täglichem Leben. Hildegard habe den Menschen ein Fenster zu Gott und zu einem neuen Leben geöffnet. Dabei sei das Hören – ein Grundwert des benediktinischen Lebens – auch für Hildegard entscheidend gewesen. „Wir müssen dazu Lebensräume der Stille schaffen. Nur so finden wir zu uns, zu anderen und zu Gott.“
Dr. Wighard Strehlow zeigte ebenfalls aus seinem Wirkungsfeld heraus den ganzheitlichen Ansatz von Hildegard auf. Er zeigte mit Hinweis auf die von ihr beschriebenen 35 Tugenden- und Lasterpaare auf, wie Stress mit Cortisol-Ausschüttung und folgenden Entzündungen im Zusammenhang stehen können – und was neben Ernährung noch zum Wohlsein beitragen kann. So könnten z.B. Staunen und Atemübungen uns helfen, aus der Stressfalle herauszufinden. Gleichzeitig könnten beispielsweise der von Hildegard als wohltuend beschriebener Dinkel, Gewürze oder Obst und Gemüse den Körper unterstützen.
Ebenfalls regen Anklang bei der in Bingen stattfindenden Jahrestagung, die Bürgermeister Ulrich Mönch am 18. September eröffnete, war das Thema „Was heilt unser Herz?“. Daniela Dumann, Heilpraktikerin in Berlin, nannte für den Alltag ebenfalls den Dinkel, außerdem das warme Frühstück oder auch das „Beizen“ mit Essig und Salz, wodurch nach Hildegard z.B. Salat leichter verdaulich werde. Und auch sie wies auf die ganzheitlichen Zusammenhänge zwischen Körper und Seele hin, die Hildegard vor rund 900 Jahren bereits aufgezeigt hatte. Im Workshop am nächsten Tag konnten die Tagungsteilnehmenden dann den – neben vielen anderen Kräutern als herzstärkend bei Hildegard beschriebenen – Petersilien-Honig-Wein probieren.
Ein schmackhaftes Naschwerk aus der von Hildegard hochgeschätzten Marone mit Honig findet sich in Hildegards Werk „Physica“ als hilfreich für die Leber beschrieben. Die Herstellung konnten die Teilnehmenden in einem weiteren Workshop unter Anleitung von Drogist Markus Arnold (Schweiz) sowie Hildegard-Gesundheitsberaterin Sarah Schibli erleben und das Ergebnis genießen.
Dass Bewegung und Atem ebenso entscheidend zum ganzheitlichen Wohlergehen beitragen können, das konnten die Teilnehmenden unter Anleitung von Heilpraktikerin Susanne Frei (Schweiz) und Schwester Barbara entdecken.
Wie Steine aus Sicht von Hildegard sowie der modernen Steinheilkunde und im Feng Shui eingesetzt werden können, um Lebensthemen einen Impuls zu geben, stellte Susanne Eva Oelerich vor. „So ist es beispielsweise der blaue Chalcedon, der im Körper, im Raum und im Leben Dinge wieder in Fluss bringen kann.“
Und welche großartige Offenbarung in der Musik von Hildegard steckt – durch Töne und Texte – erläuterte Prof. Bernhard Schörkhuber. Auch er betonte die Bedeutung unserer Sinne, besonders des Hörens. „Musik ist selbst Verkündigung“, beschrieb er und zeigte die Wirkweise anhand von Ausschnitten aus Hildegards liturgischen Werken auf.
Die Hildegard-Musik, mit der Ute Kreidler und Thomas Schröter die Gäste jeweils in den Tag geleiteten und die am Abend begleitet von einer feinsinnigen Lichtshow beim „Kirchenleuchten“ in der Bingerbrücker Kirche St. Rupertus und St. Hildegard erklang, ließ ganz in diesem Sinne Freude und Liebe spüren sowie die Grenze zwischen Himmel und Erde transparent werden.
Auch der Festgottesdienst mit Musik von Chorale Augustiniense und der Predigt über das Gleichnis der zehn Jungfrauen trug zur Ganzheit bei.
Und natürlich stand bei der Jahrestagung mit dem Motto „Im Herzen von Hildegard“ auch der Besuch von Hildegards Wirkstätten in Bingen auf dem Programm. Die rund 150 Teilnehmenden des Binger Events, darunter Mitglieder aus Taiwan, Gäste aus den USA und Spanien, waren sichtlich begeistert vom Rundgang durch das Gewölbes, den Hildegardgarten und dieVilla Rupertsberg, bei dem Irmgard Weidner und die Rupertsberger Hildegard-Gesellschaft anschaulich beschrieben, welche Geschichte der Rupertsberg vor, während und nach Hildegard erfahren hat.
Eingerahmt waren diese Veranstaltungen der Internationalen Gesellschaft Hildegard von Bingen und der Rupertsberger Hildegard-Gesellschaft Bingen e.V. von der festlichen Wallfahrt in Eibingen sowie dem reichhaltigen Programm der Disibodenberger Scivias Stiftung sowie dem Scivias Institut für Kunst & Spiritualität. Es war das erste Mal, dass rund um den Todestag der großen Heiligen am 17. September solch ein umfangreiches, regional-gemeinschaftliches Festprogramm mit Informationen und Aktivitäten für unser ganze Sein angeboten wurde – ganz im Sinne von Hildegard von Bingen.


